Kindheitserinnerungen
unter der Miltenberger Mainbrücke


Mainbrücke Miltenberg

Bei meinem letzten Besuch in der Heimat im Herbst 2015 kam mir beim Spaziergang
unter dem Miltenberger Brückenbogen neben vielem anderen dieses kleine Gedicht wieder in den Sinn:

 Die Wöhrmsche

 Zwä Bube angele am Mä’,
am erste Brückebooche,

Do, wo des Schlachthausblut nei lääft,
do wer’n viel Fisch’ gezooche.

Der ä, der hot e Hütsche uff

Mit ausgefranste Zacke,

De anner ’n hot en Schtiftekopp
un ’n gaanz dicke Backe.

Uff ämol ruft es von de Brück’,

»0 jesses, o Gewidder!

Was hem‘se mit mei’m Hannes gmaacht,
was hot dann der scho’ widder?

Hannes! Du hoscht jo e ganz dick‘s G’sicht!

hoscht Hieb’ kriegt? Wor‘s e Schnacke?

Wie kammer nor do angele
mit soume dicke Backe?«

Do ruft de Bu’ mit halber Stimm’,

bringt‘s Maul kaum ausenanner:

»Do hab’ ich doch mei’ Wöhrmsche drin,
Sunscht nimmt mer se de Anner!«

Zur Übersetzung ins Hochdeutsche

Die Gegend um die Mainbrücke war unser Fußball- und Abenteuerspielplatz. Wo heute links von der Brücke stadteinwärts gesehen der große Parkplatz ist, war in den 50-er Jahren ein großer Holzlagerplatz für Stammholz, das in den Bergwerken im Ruhrgebiet zum Abstützen der Bergwerksstollen Verwendung fand. Der Transport ins Ruhrgebiet erfolgte mit Schiffen oder Flößen.

Der landseitige Brückenbogen schützte uns Kinder vor Sonne, Wind und Regen. Hier haben wir Flusskrebse gefangen, die unter den vermosten Steinen saßen, Enten und Schwäne gefüttert und geärgert, Regenwürmer am Angelhaken gebadet (so hieß das wenn uns jemand beim Schwarzangeln erwischt hat und fragte, was wir hier machen).

Zur Erntezeit stand unter dem Brückenbogen die alte Dreschmaschine mit Riemenantrieb. Hier wurde unter lautem Rattern, Knarren und Quietschen das Korn gedroschen, das die Bauern auf hoch beladenen Leiterwagen herbeifuhren. Der winzig kleine Mann, der hoch oben auf der Maschine die Korngarben in die Maschine einfüllte ist heute noch in meiner Erinnerung sehr lebendig. Er hatte immer ein anfangs buntes Taschentuch auf dem Kopf, das an den vier Enden zusammengeknotet war. Die Arbeit auf der Maschine war ungeheuer dreckig uns staubig. Wenn spät am Abend Schluss war, konnte man das hagere Männchen kaum mehr erkennen, so dunkelgrau, schwarz vom Kornstaub stieg er total verschwitzt von seiner Maschine.

Auch große Heuleiterwagen, hoch beladen mit Heu standen unter dem Brückenbogen im Trockenen. In dieses Heu sind wir von der Brücke herunter mit Vorliebe gesprungen.

Am Brückengeländer hing die Feuerwehr nach einem Einsatz oder einer Übung ihre Schläuche zum Trocknen auf. Heute gibt es dafür einen Trockentum am neuen Feuerwehrhaus. Die Schläuche dienten uns als Schaukeln indem wir uns auf die silbrigen Kupplungsstücke setzten und uns hinaus über das Wasser schwangen. So mancher von uns landete dabei auch im Main und lernte so auch gleich schwimmen.

Jedes Jahr hielten die Amerikaner (damals bis 1955 noch Bestzungsmacht) auch rund um Miltenberg in den ausgedehnten Wäldern ihre Mannöver ab. Dann standen unter der Brücke tagelang auch große Panzer und kleinere Schützenpanzer mit geöffneten Luken. Fasziniert waren wir insbesondere von den teils farbigen Panzerbesatzungen. Sie ließen uns auch auf und in ihre Panzer. Im hell lackierten Innern der Panzer herrschte ein ganz typischer Gruch, den ich heute noch in der Nase habe. Irgendwie eine Mischung aus Schmieröl und Kaugummiminze. Unser Englisch beschränkte sich im Wesentlichen auf den Satz: "Ami, Kaugummi?" Den hatten die Soldaten immer in einer ihrer vielen Kampfanzugstaschen und gaben ihn auch bereitwillig an uns Kinder.

Im Brückenturm wohnte damals die mit irdischen Gütern nicht gerade reichlich gesegnete Familie Becker. Für uns Kinder damals ein faszinierender Wohnort. Der Vater der Beckers war ein kleiner, sehr drahtiger und fleißiger Mann mit einer ungeheuer dicken Brille (wie Glasbausteine), der für kleines Geld und eine Flasche Bier auch die körperlich härteste und schmutzigste Arbeit annahm, wie z.B. Kohlen schleppen oder Zement abladen. Solche Leute nannte man damals Tagelöhner, heute würde man sie eher als Gelegenheitsarbeiter bezeichnen. Ich denke, der Herr Becker wurde damals schon teilweise so richtig ausgenutzt. Für meinen Vater und viele andere Miltenberger war er nur der "Fibrojeh", was immer das heißen mochte.

"Miltenberger Staffelbrunser"

(Hochdeutsch: "Miltenberger Treppenpinkler")

"Staffelbrunser", so werden die Miltenberger von den Bewohnern des Umlandes genannt. Wie kamen die Miltenberger zu solch einem einzigartigen Namen?

Geschichtlich gesicherte Erkenntnisse darüber gibt es nicht. Ein Teil der Namensforschung erklärt diesen Titel damit, dass die Miltenberger bei Mainhochwasser ihr kleines Geschäft von den Stufen vor ihren Häusern direkt in den Main verrichtet haben sollen ( So die Süddeutsche Zeitung vom 30.8.2016 ). Mein Elternhaus steht im Hochwassergebiet des Mains und wurde regelmäßig vom Hochwasser heimgesucht. In den ca. 20 Jahren meiner Kindheit und Jugend, die ich in der Miltenberger Spitalgasse verbracht habe, konnte ich aber derartige Aktivitäten nie beobachten. Zumindest in den Jahren nach 1947 verfügten alle vom Hochwasser des Mains betroffenen Häuser in der Altstadt über funktionierende Toiletten innerhalb, so dass es auch bei Hochwasser keine Veranlassung oder gar Notwendigkeit gab, sein Geschäft über die Staffel direkt in den Main zu verrichten.

Nachstehende Erklärung erescheint mir dagegen recht plausibel.

Dereinst zogen nachts Miltenberger Bürger durch die Gassen der benachbarten Gemeinde Bürgstadt. Da diese Gemeinde wie alle anderen auch damals wie heute nicht flächendeckend mit öffentlichen Bedürfnisanstalten ausgestattet war und die Miltenberger nach einem weinseligen Abend auf dem Nachhauseweg einem dringenden Bedürfnis nachkommen mussten, ließen sie den körperlich bereits verarbeiteten Wein gleich dort, wo sie ihn getrunken hatten, nämlich in Bürgstadt. Und so entleerten sie ihre Blasen mit der damit einhergehenden befreienden Wirkung in den Bürgstädter Gassen. Dabei blieb auch die eine oder andere Haustreppe (Staffel) nicht ganz unbenetzt. So also gaben die "Börscheter Kreuzköpp" (=Bürgstadter Kreuzköpfe), wie die Miltenberger ihre Nachbarn nannten im Gegenzug den Miltenbergern diesen einzigartigen Namen.

Und wie man sich das alles in der Wirklichkeit vorstellen muss kann man heutzutage an der Miltenberger Mainpromenade bestaunen. Hier verrichten die drei "Miltenberger Staffelbrunser" - Der Kleine, der Große und der Angeber - ihr dringendes Geschäft zur allgemeinen Erbauung. Pikanterweise auch da, wo sich in unmittalbarer Nähe eine öffentliche Bedürfnisanstalt befindet, wie auf dem linken Bild im Hintergrund zu sehen ist. Sie sind und bleiben halt "Staffelbrunser". 

 

Der Kleine, der Große und der Angeber

Die drei Miltenberger Staffelbrunser

Und was ist gegen diesen wunderschönen Brunnen, den der Aschaffenburger Künstler Helmut Kunkel geschaffen hat, schon das "Männeken Piss" in Brüssel?

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